Antisense-Oligonukleotide (ASOs) sind kurze, gezielt hergestellte Nukleinsäuren, die an bestimmte Boten-RNA-Moleküle binden und dadurch die Bildung krankheitsverursachender Proteine beeinflussen können. Sie ermöglichen damit eine sehr zielgerichtete Behandlung genetisch bedingter Erkrankungen und haben sich bereits bei einzelnen neurologischen Erkrankungen als wirksames Therapieprinzip etabliert. Ein Beispiel ist das Medikament Tofersen für ALS-PatientInnen mit einer Mutation im Gen SOD1.
Ulefnersen ist ein neues ASO welches sich an Patienten mit Mutation im ALS-Gen FUS richtet. Eine heute veröffentlichte Pressemitteilung berichtet über sehr ermutigende Daten aus einer Phase-3-Studie zu Ulefnersen. Es haben sich Hinweise gezeigt, dass ein genspezifischer Therapieansatz mit ASOs auch bei FUS-ALS den Krankheitsverlauf tatsächlich verlangsamen kann: Behandelte Patientinnen und Patienten schnitten laut Pressemitteilung in einer kombinierten Bewertung von Alltagsfunktion und Überleben signifikant besser ab als unter Scheinpräparat (Placebo). Zusätzlich verbesserten sich wichtige Begleitparameter wie der Neurofilament-Leichtketten-Wert (NfL), und auch bei schweren Krankheitsereignissen zeigte sich ein Vorteil.
Ulefnersen soll die Bildung des krankheitsverursachenden, mutierten FUS-Proteins reduzieren. Die bisher berichteten Ergebnisse sind besonders bedeutsam, weil FUS-ALS häufig sehr schnell fortschreitet, zudem oft besonders junge Menschen betrifft und es bislang keine Therapie für Patientinnen und Patienten mit FUS-Mutation gab die gezielt an dieser genetischen Ursache ansetzt.
Wichtig ist jedoch: Bisher wurden nur die ersten, so genannten Topline-Ergebnisse veröffentlicht. Genaue Angaben dazu, wie groß der klinische Nutzen ist und für welche Patientengruppen er am stärksten ausfällt, stehen noch aus. Zudem kommt Ulefnersen nur für eine kleine Gruppe von ALS-Patienten in Frage (für solche mit FUS-Mutation). Allerdings besteht mit Ulefnersen nun ein zweites Beispiel (nach Tofersen) für die prinzipielle Anwendbarkeit und den Nutzen von genspezifischen Therapien mit ASOs für Menschen mit ALS. Daraus ergibt sich auch die Hoffnung auf weitere Therapiemöglichkeiten auf den Boden der ASO-Technologie, möglicherweise in absehbarer Zukunft auch für PatientInnen ohne bekannt Genmutation.