Jenseits von Alzheimer: Neue Studie entdeckt überraschende Quelle für einen wichtigen Biomarker bei ALS

Einleitung: Ein bekannter Hinweis in einem unerwarteten Milieu

Bluttests, die bestimmte Proteine wie phosphoryliertes Tau (p-Tau) messen, entwickeln sich rasch zu leistungsstarken Instrumenten für die Diagnose der Alzheimer-Krankheit. Diese Biomarker, von denen traditionell angenommen wird, dass sie aus dem Gehirn freigesetzt werden, können auf das Vorliegen der zugrunde liegenden Pathologie der Krankheit hinweisen. Für Forscher hat sich jedoch ein zentrales Rätsel ergeben: Jüngste Erkenntnisse haben gezeigt, dass einer dieser wichtigen Alzheimer-Biomarker, p-tau 181, und seit kurzem auch sein noch spezifischeres Gegenstück, p-tau 217, überraschenderweise auch bei Patienten mit amyotropher Lateralsklerose (ALS) erhöht sind, einer fortschreitenden neurodegenerativen Erkrankung, die die Motoneuronen befällt.

Diese unerwartete Überschneidung hat kritische Fragen zur Spezifität des Biomarkers aufgeworfen. Dies zwang die Forscher, sich mit einer entscheidenden Frage auseinanderzusetzen: War dieser bekannte Biomarker des Gehirns bei ALS irgendwie aus dem Zentralnervensystem ausgetreten oder stammte er aus einer ganz anderen Quelle? Diese neue groß angelegte, internationale Studie versucht die wahrscheinliche Quelle dieses Proteins bei ALS-Patienten zu identifizieren.

  1. Bestätigung der Überschneidung: Was die Bluttests ergaben

Im ersten Teil der Studie führten die Forscher eine multizentrische Analyse durch, um die Verteilung der p-Tau-Biomarker bei verschiedenen Krankheiten eindeutig zu bestimmen. Die Studie analysierte Serum von 152 ALS-Patienten, 111 Alzheimer-Patienten (AD) und 99 Kontrollpersonen und lieferte Ergebnisse für zwei wichtige p-Tau-Varianten.

  • p-Tau 181: Die Werte waren sowohl bei ALS- als auch bei AD-Patienten signifikant höher als bei den Kontrollpersonen, wobei kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Krankheiten festgestellt wurde.
  • p-Tau 217: Diese Studie zeigte erstmals, dass p-Tau 217 auch bei ALS-Patienten erhöht ist. Diese Werte waren zwar signifikant höher als bei den Kontrollpersonen, aber nicht so hoch wie die Konzentrationen, die bei AD-Patienten beobachtet wurden.

Dies ist besonders bemerkenswert, da p-tau 217 allgemein als spezifischer für die Alzheimer-Pathologie angesehen wird als p-tau 181, sodass sein Vorkommen bei einer völlig anderen Krankheit ein bedeutender Befund für die Diagnostik ist. Diese Überschneidung wirft kritische Fragen hinsichtlich der Spezifität dieser Blutbiomarker für die Alzheimer-Krankheit auf, insbesondere wenn sie für ein breites Bevölkerungsscreening verwendet werden sollen.

  1. Die Suche nach der Ursache: Über das Gehirn hinaus

Die Ursache für den erhöhten p-Tau-Spiegel bei ALS war ein Rätsel. Anders als bei der Alzheimer-Krankheit fanden die Forscher keinen Zusammenhang zwischen den p-Tau-Werten

im Liquor (CSF) und den Werten im Blut von ALS-Patienten. Dieser fehlende Zusammenhang war ein entscheidender Hinweis, der das Gehirn als primäre Quelle für p-Tau im Blut von ALS-Patienten ausschloss und auf eine „periphere Quelle” an einer anderen Stelle im Körper hindeutete.

Die Hinweise führten die Forscher schließlich zum Muskelgewebe. Die Studie entdeckte einen positiven Zusammenhang zwischen den p-Tau-Werten im Serum (sowohl 181 als auch 217) und den Blutwerten von Troponin T, einem bekannten Marker für Muskelschäden, der bei Menschen mit ALS häufig erhöht ist. Dieser Zusammenhang lieferte einen überzeugenden Grund, den Muskel als potenzielle Quelle zu untersuchen.

  1. Eine bahnbrechende Entdeckung im Muskelgewebe

Mithilfe fortschrittlicher Analysetechniken an Muskelbiopsien fanden die Forscher heraus, dass p-tau 181 und p-tau 217 im menschlichen Muskelgewebe vorhanden sind.

Diese wichtige Beobachtung ergab sich aus dem Vergleich von Muskelbiopsien von ALS-Patienten mit denen von Kontrollpersonen. Zwar wurde p-Tau in den Muskeln beider Gruppen gefunden, doch gab es einen entscheidenden Unterschied:

  • In allen ALS-Proben war die p-Tau-Reaktivität speziell in atrophischen (denervierten) Muskelfasern, also genau den Fasern, die aufgrund des Absterbens von Motoneuronen ihre Nervenverbindung verloren haben, deutlich erhöht.
  • Normale oder hypertrophe (vergrößerte) Muskelfasern zeigten diesen Anstieg nicht.

Diese Erkenntnis wurde durch eine Massenspektrometrieanalyse untermauert, die das Vorhandensein von sowohl p-tau 181 als auch p-tau 217 in allen analysierten Muskelproben von ALS-Patienten und Kontrollpersonen bestätigte und die degenerierenden Fasern als Ort der erhöhten Aktivität bei ALS identifizierte.

Entscheidend ist, dass die Massenspektrometrieanalyse einen noch eindeutigeren Zusammenhang mit den Muskeln aufzeigte. Die Forscher identifizierten zwei spezifische p-tau-Phosphorylierungsstellen, die sich auf einem Proteinbereich befinden, der im menschlichen Zentralnervensystem nicht exprimiert wird. Dies liefert einen biochemischen Beweis dafür, dass zumindest ein Teil des in den Muskeln gefundenen p-tau tatsächlich muskelspezifisch ist und nicht einfach eine Ansammlung von Proteinen, die aus dem Gehirn stammen.

  1. Was dies für die Diagnose und Erforschung von Krankheiten bedeutet

Eine abschließende Aussage aus dem Diskussionsteil der Arbeit fasst die wichtigsten Erkenntnisse effizient zusammen:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Anstieg von p-tau 181 und p-tau 217 im Serum von ALS-Patienten wahrscheinlich die Freisetzung dieser Spezies aus denervierten Muskelfasern widerspiegelt und auf die Notwendigkeit weiterer Studien zur peripheren Tau-Pathologie bei ALS und anderen neuromuskulären Erkrankungen hinweist.

Diese Forschung hat zwei Auswirkungen auf die Zukunft:

  • Für die ALS-Forschung: Die Entdeckung, dass degenerierendes Muskelgewebe p-tau in den Blutkreislauf freisetzt, eröffnet einen völlig neuen Forschungsbereich zur „peripheren Tau-Pathologie”. Dies könnte neue Einblicke in die Mechanismen von ALS und anderen neuromuskulären Erkrankungen liefern.
  • Für die Alzheimer-Diagnostik: Diese Ergebnisse stellen die Vorstellung in Frage, dass p-Tau-Bluttests als einfache, eigenständige Screening-Instrumente für Alzheimer in der Allgemeinbevölkerung dienen können. Das Signal aus peripheren Quellen bei anderen Erkrankungen, wie z. B. ALS, könnte die Interpretation der Testergebnisse erschweren und zu möglichen Fehlinterpretationen führen.

Vereinfachte Zusammenfassung

Eine neue Forschungsstudie hat herausgefunden, dass ein Protein namens phosphoryliertes Tau (p-Tau), das normalerweise als Marker zur Erkennung der Alzheimer-Krankheit bekannt ist, auch in höheren Konzentrationen im Blut von Menschen mit ALS zu finden ist. Zunächst wurde angenommen, dass dies auf eine Alzheimer-ähnliche Schädigung des Gehirns bei ALS hindeuten könnte. Diese Studie hat jedoch etwas anderes und wichtiges entdeckt:

Bei ALS stammt das p-Tau im Blut nicht aus dem Gehirn.

Stattdessen stammt es wahrscheinlich aus Muskelzellen, die ihre Nervenversorgung verlieren, etwas, das im Verlauf von ALS auftritt.

Die Forscher untersuchten Muskelbiopsien und stellten Folgendes fest:

  • Beschädigte oder schrumpfende Muskelfasern (aufgrund von Nervenverlust bei ALS) wiesen höhere p-Tau-Werte auf.
  • Das bedeutet, dass das Protein wahrscheinlich aus den Muskeln und nicht aus dem Gehirn freigesetzt wird.

Was bedeutet das nun für Patienten mit ALS?

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ALS an Alzheimer erkranken. Vielmehr zeigt es, dass Muskelveränderungen bei ALS den p-Tau-Spiegel im Blut erhöhen können. Das ist wichtig, weil Bluttests, die p-Tau messen, sorgfältig interpretiert werden müssen, insbesondere wenn sie zur Überprüfung auf Alzheimer in Betracht gezogen werden.

Diese Entdeckung hilft Wissenschaftlern, die Veränderungen in den Muskeln während der ALS besser zu verstehen, und könnte neue Forschungsrichtungen hinsichtlich der Rolle der Muskelgesundheit bei ALS eröffnen. Außerdem trägt sie dazu bei, dass p-Tau-Bluttests bei Menschen mit ALS nicht aufgrund scheinbar positiver Testergebnisse falsch interpretiert werden.